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Die Struktur des Zufalls, ein pythagoräischer Schrecken....

Am Anfang der Malerei steht die Täuschung, die Verführung, die Imitation. Seitdem Zeuxis sich schickte, den Vögeln täuschende Trauben zu malen, auf den Vorhang des Parrasios hereinfiel, das Gemälde zurückziehen wollte um das eigentliche Bild  zu sehen, verlangt es nach der Kunst, deren Schein die Sehnsucht nach unerhörter Darstellung (des Undarstellbaren) weckt und zugleich stillt, indem sie selbst das ist und (negativ) darstellt, worüber sie uns zunächst täuscht und wir uns täuschen lassen. Etwas Positiveres an Enttäuschung ist nicht denkbar, das ganze Pathos der Wahrheitsfindung, die zeitliche Verschlingung von antizipativen und apperzeptiven  Elementen in Wahrnehmung und Denken, fällt uns unausweichlich zu und füllt uns aus. Selbst noch die zeitgenössischen Scholiasten der Referenzkunst, zehren von diesem Pathos, bemühen sich Werke herzustellen, die sich in irgendeiner Differenz von sich selbst und anderem abheben, um schließlich doch in irgendeiner Weise anderes zu wollen oder zu sein. Doch nicht jede Lüge täuscht, mancher Schein ist so wahrhaft wahr, daß er gar nicht täuscht. Täuschen verführen, Imitieren bleibt die Kunst, die selten ist.

So wie es im Kino nicht ausreicht, schöne Bilder zu zeigen, Schnitt, Handlung, psychologische Zeichnung, Kamerafahrten nicht allzusehr ins Leere gehen dürfen, kann man sich an der fotografischen Ästhetik dieser Malerei nur so lange delektieren, wie sich in der Unsichtbarmachung der malerischen Technik scheinbar deren vollkommene Beherrschung zeigt, was uns zwar kurz erfreuen mag, schließlich aber doch die Schultern heben läßt. Die Spannung kommt nicht aus dem Bild, sondern aus dem Sinn, der sieht.

Da diese Bilder nicht im traditionellen Sinne gemalt sind, sondern Mittels spezieller Farben und Zusätze in chemischen Reaktionen selbstständig Strukturen ausbilden, brauchen wir uns um die abbildhafte Intention nicht zu kümmern, sondern können der Analogie nachgehen, die dieser Akt der Selbstorganisation mit dem der Schöpfung hat.

Extrem verdichtete Strukturen und Räume erschließen sich unserem Auge. Perfekte Abbildungen ihrer eigenen Schöpfung, sich nicht zu erkennen gebend, im Geheimnis verbergend, binden sie unseren  Blick an sich und lassen ihn gleichzeitig mit sich selbst allein.

Die Künstlerin tut traditionsgemäß nicht mehr, als den Entstehungsprozeß anzustoßen, sein Sich- vollziehen abzuwarten, und am Ende zu beurteilen, ob das Resultat Bestand hat, es somit zu lassen, oder zu zerstören.

Die Moderne hat diese Auseinandersetzung unter dem Etikett des Automatismus seit dem Surrealismus  exerziert. Das Bild in  solcher Weise seiner Selbstschöpfung zu überlassen, erinnert an den abwesenden Gott, der die Welt anfangs bloß schafft, am Ende bloß richtet, sie zwischenzeitlich dem naturgesetzlichen Schicksal überläßt. Natürlich ist diese Gottesvorstellung weder veraltert noch originell. Alle Gottesvorstellungen sind gegenwärtig und unterliegen der Geschichte. Es kann keinen modernen Gott geben, will man sich nicht in die Absurdität versteigen, einen Gott der Zeitlichkeit zu unterwerfen. Wie alt ist ein Einhorn? Der Selbstorganisationsproßess der Natur führt zu verblüffend ähnlichen Strukturen im Mikrokosmos wie im Makrokosmos, im Denken wie im Sein, im Bild wie in der Natur wie in der Schrift, daß sich angesichts des unabwendbaren Gefühls  ihrer Schönheit, Organisiertheit, Intentionalität, die Frage aufdrängen muß, wer sie schafft. Sowie wir diese Bilder anschauen, verbergen sie den Moment dem Auge, daß kein uns bekannter Geist sie gemacht hat. In jedem Moment scheinen sie verdeckt die Bewunderung für ihr Gemaltsein, ihr Mal, einmal auf sich ziehen zu wollen, um dabei vielleicht zu zeigen, daß sie nackt sind, ein Geflitter aus Schwarz und Weiß, bar jedes Wissens um den Sinn und den Wunsch, das Sein, das sich auf sie richtet, das schweifende Auge, das sich in ihnen erkennen will. Es bleibt schwer verständlich, wie sie gekommen sind, wo es bleibt, sie überschreitend, sie nicht überschreitend, zurückbleibt, um aus dem Schein einen anderen, die Substantialität einer Idee, etwas anderes zu gewinnen. Wir werden warten.

Werner Köhler                                                                                               

Pictures...