Von Frauen und Pferden

Vera Franke im Gespräch mit Kerstin Schröder




VF
    In deiner aktuellen Arbeit beschäftigst du dich mit Frauen auf Pferden. Was interessiert dich daran?

KS    Der Mensch zu Pferde, die Erweiterung einer Person durch ein Tier, symbolisch und bildnerisch darzustellen, ist ja ein sehr klassisches Motiv der bildenden Kunst. Reitende Frauen und Mädchen, oft mit erotischer Andeutung, gibt es ebenfalls sehr häufig. Die Darstellung einer prominenten Frau als Reiterin, mit der eine repräsentative Dimension assoziiert wird, wie die der Selbsterhöhung, des Erhabenen, der Macht ist bis auf wenige Ausnahmen doch eher die bevorzugte Darstellung männlicher Reiter. Ich war neugierig darauf zu sehen, was eine Reihe von Bildern mit »erhabenen Frauen« bewirkt.

VF    Deine Bilder beziehen sich also auf bekannte Frauenfiguren, die dir als motivische Vorlage dienen. Wie gehst du bei der Auswahl vor?

KS   Der Aspekt der Prominenz ist bisher ein ganz singulärer Ansatz in meiner Arbeit und nur auf diese Serie begrenzt. Hierbei sind es Queen Victoria, Calamity Jane, Emily Davidson und Lady Godiva in der Person von Kate Moss. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich eine gewisse Anzahl von geeigneten Figuren fand, die zueinander grundverschieden sind, die aber gleichzeitig mit der symbolischen Bedeutung, die sich aus ihrer Bekanntheit ergibt, ein besonderes Verhältnis miteinander eingehen können. Entsprechend sind die Bildtitel gewählt: Queen, Savage, Martyr, Model. Bedingung dieser Bekanntheit ist eine gewisse Indirektheit, denn Personen von aktuell globalem Interesse, entsprechend medial omnipräsent, wären für meine Zwecke ungeeignet. Es wäre überflüssig, ihre Geschichte noch einmal zu erzählen, außerdem müsste ich mich auf diese Omnipräsenz beziehen, was mich künstlerisch nicht interessiert, da ich relativ frei mit den Motiven umgehen will. Ich finde es außerdem spannend, wie das Interesse an bestimmten Personen durch die künstlerische Beschäftigung mit ihnen wächst und sich in der Malerei weiter entwickelt.

VF    Könntest du etwas mehr über deine Protagonistinnen erzählen und auch, warum du sie ausgewählt hast?

KS    Queen Victoria interessiert mich als dramatisch verdichtete und gleichzeitig aufgelöste Person der Macht. Sie hat sich nach dem Tod ihres Mannes in der Mitte ihres Lebens von jeder Form von Öffentlichkeit zurückgezogen und auch ihre Trauerkleidung nie mehr abgelegt. Dennoch begann sie bereits mit 18 Jahren eine 63 Jahre währende Regentschaft, länger als jeder andere britische Monarch und als erster Mensch regierte sie über ein Drittel der Weltbevölkerung. Sie lehnte dennoch die damals Mitte des 19. Jahrhunderts aufkommenden Forderungen nach Gleichberechtigung von Frauen rigoros ab. Ihre eigene Stellung sah sie als »Anomalie«. Ich habe die Figur der Queen Victoria aus ihrer Umgebung des Originalgemäldes herausgelöst und sie schwarz in schwarz gemalt. Sie liest zwar noch ihre Briefe, wie auf dem Original, alle anderen Bildinformationen wurden nivelliert. Calamity Jane lebte als Cowgirl unter Männern, auch eine Art »Anomalie«. Ich habe ihr biographie-ähnliches Büchlein gelesen, das sie für ihre Tochter schrieb. Sie beschreibt darin ein sehr grobes und rohes Leben, wie es Männer ihres Standes in der Zeit führten. Es rührt mich sehr an, dass sie ihre Tochter als Baby ein paar vorbei fahrenden Siedlern anvertraute, da sie sich selbst außer Stande sah, für sie adäquat zu sorgen. Ihretwegen brachte sie sich das Lesen und Schreiben bei, um ihr dieses Buch zu hinterlassen. Wie ihre männlichen Kollegen wurde sie am Ende ihrer Cowgirl/boy-Karriere in Las Vegas als Showmythos verheizt. Aus den damals entstandenen Fotos habe ich eines als Vorlage gewählt. Bei aller fast plakativen Unterschiedlichkeit zwischen der Königin und der »Wilden« bin ich mir sicher, dass beide, während sie »ihren Mann standen«, für weite Strecken ihres Lebens unfassbar einsam waren. Das dritte Bild dieser Serie, Lady Godiva, spielt mit einer doppelten Referenz. Lady Godiva war ursprünglich eine Adlige im 11. Jahrhundert, die, um ihren Ehemann dazu zu bewegen die Steuerlast der Bevölkerung zu senken, nackt durch ihre Stadt ritt, allein von ihrem langen Haar bedeckt. Vom Mut seiner Frau beeindruckt, hat ihr Mann daraufhin tatsächlich alle Steuern erlassen, außer der auf Pferde. Diese politische Tat war natürlich durch die erotischen Aneignungsmöglichkeiten von besonderem Interesse und hat wohl auch deshalb die Jahrhunderte überlebt. Es gibt ein schönes, hoch erotisches prä-raffaelitisches Bild der Lady Godiva von John Collier.  Als ich das Foto von Nan Goldin mit Kate Moss entdeckte, fand ich es wegen seiner referenziellen Dichte noch geeigneter. »Kate Moss on her white horse as Lady Godiva« zeigt das model nackt mit weißem Pferd auf dem Highgate Cemetery in London. Die globale Ikone Kate Moss wird lokal historisch auf diesem auserwählten Friedhof als Kunstwerk inszeniert. Das model als Modell, mit kurzem Fassonhaarschnitt, ihre Blöße nicht mit dem sagenumwobenen Langhaar der ursprünglich aufgerichtet auf ihrem Pferd sitzenden Lady Godiva bedeckt, sondern mit Hilfe des Pferdekörpers, an den sie sich hingebungsvoll schmiegt.

VF    Interessieren dich die Geschichten der Frauen besonders, oder geht es mehr ums Bildmotiv?

KS   In dieser Serie müssen die Personen, für die ich mich entscheide, neben dem erwähnten Maß an Prominenz, für etwas stehen, was ich interessant und auch bedeutsam finde. Anfangs habe ich meist eine Idee zu einer bestimmten Person und suche nach »Vorbildern«, auf die ich mich beziehen kann. Manchmal, allerdings seltener, gibt es zuerst die Faszination an einer bestimmten Vorlage und dann die inhaltliche Recherche dazu. Beide dieser Quellen müssen jedenfalls stimmen. Ich hatte z.B. lange Schwierigkeiten damit, das Bild der Emily Davidson zu malen. Da stürzt sich im Jahre 1913 eine Frau in mittleren Jahren während eines Derby vor das Pferd des englischen Kronprinzen, um den verzweifelten Kampf für das Frauen-Wahlrecht voran zu treiben, und stirbt dabei. Mir gelang es ewig nicht, ein adäquates Bild dieser Märtyrerin zu malen, da sich das Foto, das sie zusammen mit dem ebenfalls gestürzten Pferd Po an Po zeigt, nicht gut als Bildquelle eignete. Erst als ich selbst die Figur der sterbenden Heldin nachstellte und damit mehr Detailinformationen gewann, gelang das Bild.

VF    Inwiefern spielt die Annäherung an die Personen, bzw. die Kunstwerke, denen du die Personen entnimmst, eine Rolle bei der Entscheidung, wie du das Bild malst? Wie fängst du an?

KS   Die Vorbereitung ist für mich erst einmal deshalb wichtig, um mich nicht in einem all zu beliebigen Raum aufzuhalten. Es verdichtet sich die Notwendigkeit, das Bild zu machen, oder sie löst sich auf. Ich brauche diesen Vorlauf um zu malen, da Malen kein Automatismus in mir ist. Dabei fangen die Figuren an, sich sozusagen in meinem eigenen Ich abzubilden. Es entsteht eine Schnittmenge aus den Fragmenten der vermeintlich objektiv biographischen Informationen, den Geschichten und Bildern, sowie den Projektionen, die ich mir dazu mache. Es ist eine Art künstlerische Voraneignung, die sich später, im gestalterischen Prozess des Malens, komplettiert.

VF    Wie genau funktioniert der Vorgang der Transformation, nachdem du dir die Figur »einverleibt« hast?

KS   Ich denke über eine sinnvolle Übersetzung für ein bestimmtes Motiv nach, laufe aber mit diesen Überlegungen größtenteils ins Leere. Währenddessen scheint sich aber meine Intuition in Bezug darauf zu schärfen. Jeder Anfang des Malens erscheint dennoch als unkontrollierbarer Abgrund, den ich immer mit der gleichen Hilflosigkeit überschreiten muss und trotzdem stimmt meist schon einige Zeit später etwas im Bild, das ich vorher nicht vor Augen hatte. Während ich male, aber nicht unbedingt durch das Malen, bildet sich eine Spur im Bild, der ich folgen kann. Durch diese blinde Überschreitung meines eigenen Systems, transformiert sich das Bild und wird substanziell.

VF    Auf deinen Bildern stehen die Frauenfiguren fast frei im Bild, es gibt keinen identifizierbaren Hintergrund. Warum ist alles so metallisch dunkel oder silbrig?

KS   Ich benutze für die Motive so gut wie immer Untergründe, die eine Art Vorleben haben, eine naturähnliche und gleichzeitig informelle Struktur. Viele Farbemulsionen haben sich bereits in die Malgründe hinein gesaugt. Meist überschütte ich sie damit, manchmal sind sie der Untergrund für diesen Prozess gewesen, oder ein durch diese Art von Überschüttung ausgelöschtes Bild. Jedenfalls sind sie schon bildhaft, bevor sie ihre »Weiterführung« erfahren. In letzter Zeit hatte ich eine Vorliebe für dunkle Flächen, die teilweise so sehr mit Farbe übersättigt sind, dass sie stellenweise metallisch glänzen. Auf einen solchen Untergrund die schwarze königliche Witwe zu setzen erschien mir geradezu zwingend. Durch die anfänglichen Probleme, die ich damit hatte, das Schwarze auf dem Schwarz überhaupt sichtbar zu machen, wurde mir die Lösung eines weiteren Problems geschenkt. Ich wollte die Königin sehr aufgelöst darstellen, ohne sie zu deformieren oder besonders fragmenthaft zu malen. Da ich viel mit dem Glanz der Oberflächen arbeitete, um das Schwarz auf Schwarz-Problem zu lösen, bildete sich eine Bildoberfläche, die bei unterschiedlichen Blickpunkten einzelne Teile des Pferdes, der Person und des Hintergrundes ständig in ihrer räumlichen Ordnung verschiebt, und somit das Bild nie als Ganzes verlässlich erfahrbar macht. Ein anderer, nicht ganz so dunkler, etwas naturhaft wirkender Untergrund schien mir für Calamity Jane geeignet. Ich konnte sie so aus der Studiokulisse des Vorbildes lösen und in die Natur zurück verfrachten (um ihr etwas Würde zurück zu geben). Am glaubhaftesten erschien auch sie mir aufgelöst, zwischen Subjekt und Objekt schwankend, sehr flüchtig gemalt. Kate-Moss-Lady-Godiva und Emily Davidson, die eigentlichen Revolutionärinnen, wollte ich umgekehrt gleißend hell, überstrahlt und silbrig metallisch malen. Durch die Einführung von Schrift ins Bild als zweite Ebene entstand eine größere Komplexität, so dass ich das Motiv schlichter halten konnte.

VF    Die Schrift im Bild, das ist eine Ebene, die man erst auf den zweiten Blick entdeckt. Was hat es damit auf sich?

KS   Ich hatte schon lange das Bedürfnis, Schrift bzw. Text ins Bild zu integrieren; erst bei dieser Reihe, die recht übersichtlich vom Bildaufbau ist, gab es dafür den Raum. Zu den beiden schwarzen Reiterinnen gehört jeweils nur ein kurzer Satz. Auf Augenhöhe von Calamity Jane schwebt der Satz: »Es tut gut mit dir telefoniert zu haben«. Über dem Kopf der Queen, fast unsichtbar, liest man: »Dein Feedback nahm mir Angst und Selbstzweifel«. Es sind jeweils Sätze aus privaten Mails, die mich einst sehr berührt haben. Heraus gelöst wirken sie jedoch wie Sätze aus Psycho-Ratgebern, die ich in gebührendem Abstand, dennoch latent auf das Motiv bezogen, nicht ohne einen gewissen Humor auswählte.

VF    Auf dem Bild von Lady Godiva befindet sich ein Text, ein Ausschnitt einer skurrilen persönlichen Geschichte an der Bildkante …

KS   Ähnlich wie bei den anderen Bildern, habe ich auch hier die Figuration aus dem Bild herausgelöst und auf einen anderen Untergrund gesetzt. Die Figur selbst habe ich ganz nah an ihrem Vorbild orientiert. Ich wollte dem nichts hinzufügen, eher weglassen und zuspitzen. Eine junge nackte Frau silbrig auf einem weißen Pferd darzustellen, streift natürlich sehr deutlich gängige, durchaus auch kitschig erotische Klischees. Die traditionelle erotische Instrumentalisierung des Motivs erfährt hier eine fast vulgäre Steigerung. Der Text, der sich am Rand entlang schlängelt, ist Teil einer autobiografischen Geschichte, in der eine ursprünglich lesbische Frau über den Ekel spricht, Sperma zu schlucken. Diese Art Dolchstoß hinein in alle möglichen Arten männlich erotischer Aneignung von nackten Frauenkörpern, konnte ich mir irgendwie nicht verkneifen. Das Bild wird also in ein ausgewogenes Verhältnis versetzt, es wird repolitisiert.

VF    Warum sind die Texte deiner eigenen privaten Welt entnommen?

KS  Mit den hinzugefügten Sätzen führe ich die historische Sphäre, bzw. die transformierte Sphäre des Motivs in etwas für mich Faktisches, real Erlebtes. Gleichzeitig werden mir die so exponierten Worte fremd. Ich erwähnte doch in Bezug auf meine Aneignung dieser historischen Figuren die Art, wie sie sich dabei ins eigene Ich schleichen und dort zu etwas Anderem werden. Genau in diesem Verhältnis aus Wirklichkeit und Projektion versuche ich diese Sätze anzusiedeln und mit dem Bild zu verweben.

VF    Wie entsteht deiner Ansicht nach Neues in der Kunst? Oder gibt es nichts Neues mehr?

KS    Diese Frage lässt sich natürlich nicht mit ja oder nein beantworten, sondern eher durch die Problematisierung der künstlerischen Arbeit selbst. Da es keinen verlässlichen Kanon und kein ideelles Fundament mehr gibt, auf dem Kunst noch aufbauen kann, muss sie sich diesen ihren Kontext selbst schaffen und ist damit abhängig von ihm. Nach Außen kommuniziert verleiht ihr das Legitimation, denn auch hier steht sie erst einmal im luftleeren Raum. In den 90er Jahren bedingt durch die Übermacht des Kontextuellen (z.B. politisch/ soziologisch, kunst- und kulturhistorisch) wurde der Kunst ihr Absolutheits-, bzw. Originalitätsanspruch fast gänzlich abgesprochen. Die Frage nach dem Neuen mündet deshalb in ein grundsätzliches Dilemma. Neu kann nur etwas sein, was für sich selbst steht, gleichzeitig muss die Kunst aber immer die Bedingungen ihrer Möglichkeiten mit reflektieren. Will Kunst also neu bzw. substantiell sein, kann sie das nur durch die Überschreitung ihrer kontextuellen Verortung.

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Künstlerische Transformationen
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